Auf Schritt und Tritt

Mein Schwager Kurt war noch ein echter Naturfreund. Er konnte jedes Blatt einem Baum zuordnen und sein Kontakt zu Petrus verriet ihm meist schon am Vortag, wie das Wetter am kommenden Morgen sein wird. Was eigentlich egal war, denn ihn trieb es bei jeder Witterung nach draußen. Er war der perfekte Wanderer der nie wegen eines schlechten Weges klagte und auch auf den letzten Metern eines langen Marsches noch ein Liedchen pfeifen konnte. Was er aber überhaupt nicht ertrug, war das Abkommen vom richtigen Weg, oder gänzlich falsche Kilometerangaben. In der damaligen analogen Zeit, also noch weit von der Jahrtausendwende, war das gar kein leichtes Unterfangen.

 

Um dem zu entrinnen, ging bei Kurt gar nichts ohne gute Vorbereitung. So war eine aktuelle Wanderkarte grundsätzlich der Begleiter auf allen Wandertouren. Spätestens am Abend zuvor lag diese aber erstmals komplett ausgebreitet auf dem Küchentisch. Mit einem mechanischen Entfernungsmessgerät rollte man auf der Karte die gewünschten Wege ab. Je sauberer man dabei arbeitete, um so genauer kam man der richtigen Kilometerzahl näher. Manche nannten das Gerät auch „Schätzeisen“, da die Messung nie genau stimmte. Eine Überprüfung der Richtigkeit wäre nach der Tour zwar möglich gewesen, hätte man sich auf den ebenfalls mechanischen Schrittzähler verlassen können. Dieser war seit dem Morgen an der Hose befestigt und bemühte sich redlich die Schritte seines Trägers zu zählen. Doch zum Ende der Tour zeigte jedes Gerät ein anderes Ergebnis, sodass auch die friedlichsten Naturfreunde oft Mühe hatten, sich auf das gelaufene Pensum zu einigen.

Für alle, die jetzt über die vorsintflutlichen Messmethoden schmunzeln, sei gesagt, dass auch heute trotz genauster digitaler Uhren oft sehr unterschiedliche Ergebnisse zustande kommen. Bei größeren Stadtmarathons markiert zum Beispiel ein blauer Strich auf der Straße die Ideallinie für die 42.195 Meter. Kein Läufer im großen Pulk hinter der Spitze hat die Chance später diese Zahl auf seiner Uhr zu sehen. Für jeden Überholvorgang oder Spurwechsel gibt es ein paar Meter obendrauf, was sich schnell zu Kilometern addieren kann. Schwager Kurt, der noch nie schneller als im Wanderschritt gelaufen ist, hätte man nie auf so eine Strecke bringen können. Zwischen nach Schweiß riechenden oder mit Wadenkrämpfen kämpfenden Läufern hätte er sich sehr unwohl gefühlt.

Moderne Smartwatches und Fitness-Tracker, die es seit den 2000er Jahren gibt, verfügen über digitale Messsysteme mit Beschleunigungssensoren sowie eine immer größer werdende Anzahl an Aktivitätsanalysen. Für meinen Schwager Kurt wäre das alles wohl zu viel gewesen. Seine Analysen und Bemerkungen landeten in einem kleinen schwarzen Büchlein, das später oft für künftige Touren als wichtige Recherche diente.

 

Übrigens, einen Wandel kann es auch mal rückwärts geben. Glaubt man den sozialen Medien, so sollen auffallend viele junge Menschen für einen Blick auf die Uhrzeit, immer häufiger der Armbanduhr abschwören. Opas alte Taschenuhr würde aktuell als Gegenbewegung zur Digitalisierung gerade eine Renaissance erfahren. Sogar mit einem mechanischen Aufzug, wie in der „guten alten Zeit“. Vielleicht sehnt sich im Alltag, auch die Jugend nach einem beruhigenden Tick-Tick anstelle ewig nerviger Pieps Geräusche.

 

Hans Pertsch Juni 2026

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