Der kleine Italiener

 

Ehrlich gesagt, ich mag die tausendfachen Vergleiche zu früher überhaupt nicht. Egal um was es geht, immer findet sich jemand der das Gestrige mit heute vergleicht. Und meist schneidet die gute alte Zeit dabei auch noch viel besser ab. Aber heute, nach ein paar Tagen Italienaufenthalt und vielen Beobachtungen drängt es mich einfach danach, auch mal einen Vergleich zu ziehen, wie sich mein Lieblingsland im Laufe der Zeit verändert hat.

 

Nicht nur die Lira und die Grenzkontrollen sind im Laufe der Jahre gegangen, auch ein Stückchen italienische Gelassenheit scheint mir abhanden gekommen zu sein. Die gleiche Sonne, der gleiche Strand und das freundliche „Buon giorno“ sind geblieben, aber einiges hat sich doch verändert. Mama mia, früher waren die italienischen Busfahrpläne reine Orientierungshilfen, heute fahren mir die Busse vor der Nase weg, weil man sich auf die Verspätungen nicht mehr verlassen kann.

 

Galten Zebrastreifen in der guten alten Zeit als Angebot den Fußgänger am Straßenverkehr zu beteiligen, muss man heute damit rechnen, dass immer mehr Einheimische tatsächlich über ein Halten nachdenken. In vielen Geschäften konnte man sich früher noch über die von den Italienern heißgeliebte mittägliche „Siesta“ ärgern, heute ist dieser alte Brauch meist dem Kommerz gewichen.

 

Und bitteschön, wo sind die Spaghetti ala Mama im den netten kleinen Ristorante geblieben? Die, die mit viel Liebe im übergroßen Topf meisterlich nach Urrezepten gekocht wurden. Nicht laktosefrei und auch nicht vegan, sondern einfach nur richtig lecker?

 

Und warum haben meine italienischen Freunde alle so gut Deutsch gelernt. Schade. Ich hätte wieder so gerne mit meinem alten Wörterbuch übersetzt, beim Vino nach Sätzen gerungen, mit Händen und Füßen gedolmetscht und mich wie ein kleiner König gefreut, wenn ich einigermaßen verstanden worden wäre.

 

So wie damals, in der guten alten Zeit.

 

Hans Pertsch Oktober 2017

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