Der Nachtmensch

 

18.00 Uhr, es ist kalt und wäre der Mond nicht am Himmel, es wäre gespenstisch dunkel. Das Thermometer an der Haustüre zeigt sich zum ersten Mal im beginnenden Winter von seiner miesen Seite. Zwei Striche unter der 0 Grad Marke locken eigentlich dazu, dem Ofen ganz nahe zu rücken. Ich dagegen, habe die Haustüre gerade von außen zugeschlagen. Pessimisten würden im grellen Licht der Straßenlampe bereits den Ansatz von gefrorenen Autoscheiben erkennen. Egal, ich wollte ja sowieso zu Fuß loslaufen. Befreit von allen Diskussionen über Sinn, Gefahren und der richtigen Bekleidung stand ich nun alleine auf der Straße.

 

Bereits die ersten Schritte Richtung Dorfmitte ließen jeden Zweifel verstummen, dass es nicht doch nur der Starrsinn eines alten Mannes war, noch zur abendlicher Stunde einsame Runden zu drehen. Schnell hatte die Lunge den letzten Widerstand aufgegeben und mein aufsteigender Atem und die rauchenden Schornsteine lieferten sich spannende Schauspiele. Es mag verrückt klingen, aber ich liebe diese Momente in denen ich meinen Gedanken komplett freien Lauf lassen kann. Gerade in der Nacht empfinde ich dieses Gefühl besonderes intensiv.

Sportlich Gleichdenkende und begeisterte Mitbürger sind in der Dunkelheit ziemlich rar. Es sind eher die Besitzer von Vierbeinern die teils humorvoll und teils gequält den Blick zu Mond und Sternen mit mir teilen. Ob Hobbyvoyeur oder Rezeptsucher, der nächtliche Einblick in hellerleuchtete Küchen oder schummrige Schlafzimmer ist eine weitere Horizonterweiterung und ein Zusatzbonus für alle Menschen die die Körperertüchtigung nachts suchen. Ja liebe Laufkollegen, macht die Nacht zum Tag, und gibt eurem Training mal einen neuen Kick. Das mit den schummrigen Schlafzimmern, bleibt aber unter uns.

 

Hans Pertsch November 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

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