1.Mountainrun   Grindelwald   2022

Der Druck lässt nie nach

 

Kennen sie den Lieblingsspruch von älteren Läufern? „Für mich zählt die Laufzeit nicht mehr, ich trabe nur noch zum Spaß hier mit“. Glauben sie es nicht, es ist der Satz aus einer Märchenstunde. Denn wer quält sich schon monatelang verbissen durch hartes Training, nur um genüsslich die Landschaft zu betrachten. Selbst wenn sie noch so schön ist. Auch ich nicht, der als Zweitältester des Feldes hier in Grindelwald auf den Start des 1. Mountainrun wartet. Zwei Jahre ist der Lauf ausgefallen, nun ist es aber soweit, und die letzten Sekunden vor dem Start werden herunter gezählt. Der Startplatz liegt auf etwa 1000 Meter über Meereshöhe, das Ziel ist 7500 Meter entfernt und 1111 Meter weiter oben. Seit heute morgen 4.00 Uhr ist für mich die Nacht zu Ende. Meine Nerven sagen mir mal wieder, dass es höchste Zeit für die ersten Selbstzweifel ist. Drei Stunden Zeit lässt der Veranstalter den Teilnehmern, um die Ziellinie oben am Gipfel zu überschreiten. Zuhause in Deutschland würde es kaum jemanden auffallen, wenn ich nicht rechtzeitig ankäme, denn bei diesem Lauf konkurriere ich fast nur mit Einheimischen, gegen deren Körperbau, ich auch noch fett wie eine Otter wirke.

Als der Startschuss fällt, denke ich an den Spruch einer befreundeten Ultraläuferin die immer sagt „Kämpfe nicht mit dem Weg, nutze was er dir gibt". Annabel's Worte scheinen meinen Weg aber nicht sonderlich zu beeindrucken. Er gibt mir nichts, sondern nimmt mir höchstens die allerletzte Luft. Eine junge Dame in einer auffallend roten Weste wird schnell zu meiner Begleiterin und will mir einfach nicht mehr von der Seite weichen. Es ist die Schlussläuferin, die anderer Orts als ordinärer Besenwagen tituliert wird. Auch wenn mein Schatten äußerst hübsch ist, denke ich bei ihrem Anblick sofort an Trennung.

Nach gut zwei Kilometern ist es soweit: ich gebe die rote Laterne an ein Läufertrio ab, das noch mehr keucht als ich. Was für ein schöner Moment. Auf einem kurzen flachen Abschnitt flaxe ich einen Streckenposten und vergleiche den Weg mit den Bergen in Holland. Ein Scherz, der mir schnell bitter aufstößt. Denn jetzt steht die Krönung aller heutigen Steigungen an. Mann o Mann, auf gut einem Kilometer geht es knapp 300 Höhenmeter steil nach oben. Wie hilfreich hätten hier Stöcke sein können, wenn der Mann aus den Pfälzer Bergen, die gutgemeinten Ratschläge von erfahrenen Kollegen angenommen hätte. Ich fahre auch ohne Motor Fahrrad, hatte ich damals schnippisch geantwortet.

Würde die Uhr nicht so gnadenlos ticken, käme ich auf dem letzten Kilometer von meinem Foto nicht mehr los. Während ich die letzten Serpentinen hoch stampfe schieße ich meine Bilder nur noch aus der Hüfte. Und als ich wenig später höre, wie sich der Streckensprecher beim Einlaufen mit dem Namen Pirmasens schwer tut, kann ich wieder richtig lachen. Genau wie über meine Zeit von 2:13 Stunden. Mehr als eine 3/4 Stunde schneller, als man uns Bergläufern ursprünglich zugestanden hatte. Was mich kolossal ermutigt, nach neuen Zielen Ausschau zu halten.

 

Hans Pertsch Juni 2022


 

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