Der Traum vom geschenkten zweiten Lebens

Der Traum vom geschenkten zweiten Lebens

 

Der Traum ist süß. So süß, dass er fast unglaublich ist. Ein Traum der meist nur bei Menschen entsteht, die das Leben positiv sehen. So eine Art kleines Zusatzgeschenk für diejenigen, die hinter jedem grauen Himmel bereits azurblaue Stellen sehen. So auch an diesem Morgen, an dem ich noch leicht verschleiert den Vorraum einer Arztpraxis betreten habe. Der allseits beliebte Picks stand am. Knapp zwei Dutzend Menschen hatten wohl lange vor mir das Bett verlassen und warteten geduldig auf ihren Aufruf. Ich zierte mich ein wenig, einen der Plätze anzunehmen den mir gleich eine handvoll junger Leute unaufgefordert freigemacht hatten. In unerwarteter Gelassenheit tauschten wildfremde Menschen untereinander ihre Termine. „Wenn es jemand besonders eilig hat, kann er gerne vor mir rein", rief die Dame die ganz vorne an der Tür stand. „Am besten lassen wir die Frau im Rollstuhl vor", sage ein Mann von hinten, der dafür viel Zustimmung fand. Sehr dankbar zeigte sich auch eine ältere Dame, die mit dem Ausfüllen des Formulars große Schwierigkeiten hatte. Selbstlos schritt aber sofort ein stattlich gebauter Mann ein. Der Riese, der geeignete Ellenbogen hatte, um sich gegen Widerstände durchzusetzen, entpuppte sich als lammfrommer Helfer für Senioren. Aber noch viel faszinierender fand ich in meinem nicht enden wollenden Traum, die Begeisterung der eben Geimpften über das ärztliche Personal. Gerade überschwänglich war das Lob und die Dankbarkeit für das vielleicht geschenkte zweite Leben. Ich liebe meine Träume über alles.

Hans Pertsch Juni 2021

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