Rennsteig Halbmarathon 2015

Für Asterix und die Gallier war es der Zaubertank, für die Teilnehmer beim Rennsteiglauf in Thüringen ist es der Haferschleim, der mystische Kräfte verleihen soll.

 

Aber so ganz wollten sich die beiden Freunde Martin Kölsch und Hans Pertsch aus Pirmasens

nicht auf das sagenumworbene Getränk, dessen Zusammenstellung streng geheim ist, verlassen. Bereits seit den ersten Tagen dieses Jahren wurde fleißig an den Trainingsplänen eines gemeinsamen Supermarathonlaufes über 73 Kilometer gebastelt.

 

Aber nicht alles im Leben ist kalkulierbar. Mitten in der Vorbereitung musste Hans Pertsch seinen Traum von Supermarathon krankheitsbedingt aufgeben und stieg auf die Halbmarathonstrecke um. Gezwungenermaßen ging man fortan getrennte Trainingswege. Während Martin Kölsch sich nun alleine über lange Trainingsdistanzen quälen musste, hielt sich sein Mitstreiter mit wandern und schnellem Gehen fit.

In der Endphase seiner Vorbereitung erwischte es den Fehrbacher Läufer ebenfalls. Eine Erkältung mit starkem Husten legte ihn nahezu die beiden letzten Wochen flach.

 

So saßen dann die beiden, die für das Pirmasenser Laufteam starten, am Vorabend des Laufes in einer Thüringischen Pizzeria bei etwas gedämpfter Stimmung über Ihrer Läuferpasta.

Man mied das aussprechen von Rekord und Wunschzeiten und fachsimpelte stattdessen lieber über bevorstehende Anstiege, Verpflegung und die Glücksgefühle bei der Zielankunft.

Bei allen Disziplinen des Rennsteiglaufes heißt es „der frühe Vogel fängt des ersten Wurm.“

Für den Supermarathoni Kölsch fuhr der Bus zum Start in Eisenach bereits um 3.00 Uhr morgens los. Dank der kürzeren Anfahrzeit war Pertschs Nachtruhe etwa 2 Stunden länger.

 

Ob gut gelaunt oder Morgenmuffel. Am Rennsteiglied und dem Schneewalzer kommt keiner der Teilnehmer in seinem Start Ort vorbei. Schunkeln, singen und tanzen in den frühsten Morgenstunden ist für alle Läuferinnen und Läufer ein regelrechtes Muss. Und es gibt keine Ausnahmen, alle sind dabei.

 

Für die Läufer auf der 73 Kilometerstrecke geht es erst einmal 25 Kilometer bergauf. Kräfteeinteilen ist erste Pflicht. Hier vergeudete Energie wird am Schluss hart betraft. Das gleiche gilt für die Aufnahme von essen und trinken. Magen und Darm sind keine Spaßvögel. Wenn sie rebellieren ist der Traum von Zieleinlauf und dem heißbegehrten Finisher Trikot schnell zu Ende.

Martin Kölsch hat dieses Mal keinen guten Tag erwischt. Er hat hier bereits 2x gefinisht und kennt die Strecke bestens. Krämpfe quälen ihn in diesem Jahr bereits frühzeitig. Die Option „aufgeben“ ziehen aber nur die wenigsten Ultraläufer. Kämpfen und durchbeißen ist ihre Parole. Auch der Pirmasenser wählt diesen Weg. Aber er leidet nicht lange alleine. Nach und nach versammeln sich um ihn herum drei weitere Magen und Fußkranke. Gemeinsam sind sie in ihrer Schwäche stark. Nach 9.34 Std. erreicht er das selbsternannte „Schönste Ziel der Welt in Schmiedefeld.

Dort hinter der Ziellinie wartet Halbmarathonie Hans Pertsch bereits auf seinen Freund.

Sein Ziel „Hauptsache Ankommen“, hatte er unterwegs schon frühzeitig nach unten korrigiert und lief 82 Tage nach seiner Lungenembolie in 2.39 Std. über die Ziellinie.

 

Seine Eindrücke der gelaufenen 21,1 Kilometer lassen sich mit der Supermarathonstrecke nur schlecht vergleichen. Pertschs 7000 Mitläufer gehören eher der Sparte Freizeitläufer an. Hier geht es lustiger zu, und bei manchen Gruppen hat man das Gefühl, dass sie sich auf einem Betriebsausflug befinden. Mitten im Feld, wo sich Pertsch aufhält, ist es ziemlich voll. An den engeren Passagen ist Kampfgeist gefordert. Hier ist Überholen kaum möglich. Wer sich die falschen Vorderleute aussucht, kann viel Zeit verlieren. Obwohl eine größere Menge an Läufern quasi zeitgleich einläuft wird jeder vom Sprecher persönlich begrüßt.

Am Rennsteig ist das selbstverständlich. Wie so vieles andere bei der perfekten Organisation des Thüringischen Traditionslaufes.

 

Ob es am oben genannten Haferschleim oder am kostenlosen Läuferbier im Ziel liegt, oder aber ganz andere Ursachen hat, ist nicht bekannt. In Schmiedefeld geht es jedenfalls am Abend im Bierzelt noch einmal richtig rund. Und zwar nicht im sitzen sondern stehend auf Bänken und Tischen. Die morgens am Start bereits geübten Lieder werden nun durch meist gut geölte Kehlen in ohrenbetäubender Lautstärke geschmettert. Eine fast unwirkliche Mischung aus Brüderlichkeit und Kameradschaft weht durchs Bierzelt und zieht alle in Ihren Bann.

Man spürt förmlich wie die Last des Laufes und die Belastung der vielen Trainingstunden an den Läufern abfällt. Die Schmerzen werden zur schönsten Nebensache der Welt.

Nur so kann man auch verstehen, dass es an diesem Abend eine Selbstverständlichkeit ist sich mit den Worten zu verabschieden, Tschüß bis nächste Jahr.

 

Hans Pertsch Mai 2015

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© Hans Pertsch