Anfang der 1970er Jahre gehörte Michael die ganze Welt. Glaubte er zumindest. Der Bundeswehr und seinem Lehrherr entronnen, wollte er raus. Die spanischen Costa Brava hielt es für einen geeigneten Ort Neues kennen zu lernen. Rein in den Flieger und raus im brühend heißen Spanien. An seiner Seite drei weitere Welteroberer.
Vier Jungs im besten Alter, ohne häusliche Überwachung alleine gelassen, hatte schnell den Hoteldirektor in Alarmbereitschaft versetzt. Schon nach wenigen Stunden, bevor wir uns überhaupt richtig entfalten konnten, las er uns quasi aus seiner Hotelbibel vor, was man so alles möglichst nicht machen sollte. Zum Schluss bat er uns, mit Angst in den Augen, das Hotel und seine Gäste von all dem zu verschonen, zu was man so im jugendlichen Übermut fähig wäre. Heute würde man sagen, der Mann ist eine echte Spaßbremse.
Für das leibliche Wohl im Hotel sorgte eine katalanische Vollpension. Es gab was es gab und wer satt werden wollte war ohnehin der Küche ausgeliefert. Zum nachspülen stand eine Karaffe Leitungswasser und saurer Hauswein auf dem Tisch. Entgegen aller spanischen Regeln war Pünktlichkeit oberstes Gebot. Nachzügler gingen leer aus. Basta
Ein Eichstrich auf Gläsern schien etwas Unbekanntes zu sein. Auffallend vor allem an Cognacgläsern. In jeder Bar servierte man wie selbstverständlich die harten Drinks in Gläsern die bis zum Anschlag gefüllt waren. Wahrscheinlich von den Engländern gelernt, den dessen fahles Bier erreicht auch die Oberkante des Glases. Zwar hatte man im Vorfeld zuhause das Trinken geübt, aber der Ernstfall ist eben was anderes wie ein Training. Die noch recht junge Leber überstand den Urlaub fast unbefleckt hatte aber gelernt, dass das Leben kein Ponyhof ist und Opfer nötig sind.
Auch so mancher Vater war aufgeschreckt, als die jungen Männer aus Alemania mit ihren gestählten Körpern sich am Pool in der heiße Sonne aalten. Nur widerwillig ließen sich deren Töchter an einen ungefährlicheren Ort verlegen. Zur damaligen Zeit hatten jedoch väterliche Anweisungen noch mächtig Zugkraft und ließen nur wenig Spielraum zu. Und wer glaubte, den Papa mal abgeschüttelt zu haben, blieb am Bollwerk Mutter hängen.
Neben Vätern und dem Hoteldirektor hatten die vier Jungs aber mit der Guardia Civil noch einen weiteren, viel erbitterten Gegner. Die gefürchtete Polizeieinheit im damals noch diktatorischen Spanien beschäftigte grundsätzlich keine lächelnden Beamten. Sie tauchten Nachts aus dem Nichts auf, und sorgten kompromisslos für das, was sie gerade für richtig hielten. Da man sprachlich weit auseinander lag, wurden schon mal auch die Fäuste eingesetzt. Läuferisch, und vor allem auf der Flucht waren wir den heißen Spaniern aber um einiges überlegen.
Hans Pertsch Mai 2026