Michael im Krankenhaus

Die Ruhe ist gespenstisch. Nur ein unrhythmischer Schnarchton aus dem Nachbarbett sorgt ab und zu für ein wenig Abwechslung.
Das "amtliche" Wiegen das eben anstand, hat mir die Lust versaut, meine Riesengebäckpackung, die mir ein Freund mitgebracht hat, zu öffnen. Drei Kg über Kampfgewicht und keine Bewegung.

Heimlich schleiche ich mich auf den großen Flur. Hier draußen spüre ich ein wenig den Hauch von Freiheit. In einer Sitzgruppe verharren Menschen die Zeitschriften in der Hand halten, die sie sonst wahrscheinlich nie lesen würden.
Ein kleiner, älterer Mann im Schlafanzug  hängt mit der Nase an der vom Nebel angefeuchteten Scheibe. Sein Blick erinnert mich an eine Gegebenheit in Ostberlin zu alten DDR Zeiten.
Dort hatte ich mal einen kleinen Jungen beobachtet der sehnsüchtig und ungeduldig auf die Oma mit dem Paket aus dem Westen wartete. Ein Bild, das vor mir auch 25 Jahre nach dem Mauerfall immer wieder auftaucht.

Morgenmuffel haben schlechte Karten. Marlis, die hübsche Krankenschwester ließt wie vom Fließband den Speiseplan für den nächsten Tag vor. Kein gemütliches Häkchenmachen auf einem Zettel, nein, auch im Krankenhaus hat Hightech die Regie übernommen.
Die Auswahl ist groß aber nur gutes zuhören führt zum Lieblingsmenü am nächsten Tag. Wer jedoch bei der falschen Brotsorte "ja" gerufen hat, wird am nächsten Morgen dafür gnadenlos abgestraft. Umtausch ist ausgeschlossen.
Das war nicht immer so. Früher gab es zwar auch schon Wahlmöglichkeiten. Diese bestanden aber nur zwischen essen oder stehen lassen. Ja, das war die gute alte Zeit.

 

Ein Krankenhausaufenthalt ist für viele ein wenig wie Silvester. Nicht dass große Feierfreude aufkommt, aber die Ernüchterung des Zwangsstops lässt viel Zeit über Versäumtes und vor allem über die Zukunft und neue, gute Vorsätze nachdenken.
Und es sind dabei nicht unbedingt die Weicheier , nein es sind oft die harten Knochen die hier einknicken.
Einzig bei den Rauchern scheint die Einsicht noch weit hinterm Horizont entfernt zu sein. Denn ihre Beschwerden haben ja nur ganz selten mit Ihrer Nikotinsucht zu tun. Trotzdem sind sie sehr beliebt. Denn Sie sind meistens die Ersten die wieder auf den Beinen sind. Die Raucherecke vor der Eingangstür ruft laut und beharrlich nach ihnen.

Beim Bewegungsmangel hingehen kommt bei manchen Betroffenen reinste Euphorie auf. Die Planungen für das Leben nach dem Krankenhaus liegen abrufbereit bereits in Kopf und Schublade. Die Frage ob sie zuhause jemals wirklich umgesetzt werden, bleibt aber unbeantwortet.

 

Am Bemerkenswertesten fand ich jedoch den Spruch eines 86 jährigen, sehr weisen Mannes. "wenn ich hier jemals heil rauskomme, kremple ich mein Leben noch einmal total um." Und ich glaube es ihm wirklich, dass er es will und auch umsetzen wird.

 

Wer schon einmal einen Armeisenhaufen genau betrachtet hat denkt als erstes: was für ein Chaos.  Doch dem ist bei Weitem nicht so. Was für das menschliche Auge nicht sichtbar wird, ist ein Systembauwerk der Extraklasse. Ähnlich scheint es im Krankenhaus zu laufen.

Erst nach einigen Tagen genauen Betrachtens entschlüssle ich ein bisschen die Abläufe. Betten und Rollstühle mit Kranken, Lieferanten, Entsorger und Handwerker kämpfen um die wenigen Plätze in den Lastenaufzügen. Das gleiche Bild wiederholt sich in den Gängen und Fluren. Überall Stau und Gegenverkehr. Aber es funktioniert trotzdem.

Nicht viel anders geht es den nicht bettlegerischen Patienten. Ihre Mitstreiter um einen Liftstehplatz sind Besucher, Ärzte, Krankenschwestern, Paketdienstler und viele weitere wichtige Menschen die das System Krankenhaus zusammenhalten.

Imposant auch die Gänge vor den Röntgen und Behandlungszimmern. Wie an einer Kette aufgereiht stehen unzählige Betten mit Patienten. Rechts die Menschen die noch auf ein positives Untersuchungsergebnis hoffen, in die andere Richtung parken die, die die Untersuchungen bereits hinter sich haben. Ihre Gesichter verraten, dass Freud und Leid oft nah bei einander liegen.

Zufall oder Folgen eines radikalen Bettenabbaus. Säle im Krankenhaus scheinen wieder „In“ zu sein. Was der Unterhaltung vielleicht dienlich ist, muss der Gesundung des Patienten aber nicht unbedingt förderlich sein. Aber wenn die menschliche Mischung stimmt, dann sind auch vier oder fünf Personen in einem Raum noch recht erträglich.

Zwischen Stammtischatmosphäre und himmlischer Ruhe wird so ziemlich alles geboten. Drollig wird es zur Sandmännchenzeit. Mit immer kleiner werdenden Augen werden die Bettkarten gelöst.

Gestandene Männer richten sich zur besten Fernsehzeit auf die Nacht ein. Kaum ist der Mond richtig aufgegangen, geht das letzte Licht aus.

Aber so richtig ruhig wird es Nachts trotzdem nicht. Egal was auch auf der Speisekarte stand, irgendwie verursacht alles Blähungen. Und so entwickeln sich oft bemerkenswerte Konzerte zwischen „Blähern“ auf der einen Seite und heftigen Schnarchern auf der anderen Seite.

 

Gestört werden diese Darbietungen mitunter nur von der scheinbar nicht gerade kunstverständigen Nachtschwester. Man munkelt, dass sie über einen übermenschlich guten Geruchsinn verfügt, mit dem sie jeden Übeltäter direkt überführen könne. Ich habe mich vorsorglich besser gleich mal weggeduckt.  

 

Michael schläft inzwischen wieder im eigenen Bett.

Und er hat festgestellt, dass viele  negativen Geschichten die über Krankenhäuser erzählt werden, eigentlich so nicht stimmen. Wie auch draußen in der Welt der Gesunden, gibt es außer schwarz und weiß noch viele, viele Zwischentöne. Und wer das Leben ganz positiv sieht, erkennt darin sogar noch viele farbige Tupfer.

 

Gehört, gesehen und geträumt im Februar 2015 

 

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© Hans Pertsch