St. Tropez Marathon 2019

Abschluss im St. Tropez an der Cote d´Azur 2019

 

Als ich vor vielen Jahren in Paris meinen ersten Marathon gelaufen bin musste ich feststellen, wie grausam die Treppen von U-Bahnen sein können. Vielerorts gibt es nämlich in der topmodernen französischen Hauptstadt keine Rolltreppen. Schiere Dramen spielten sich damals nach dem Lauf in den Katakomben der Pariser Unterwelt ab.

 

Warum mir das alles nach dem Marathon im Golf von Saint Tropez wieder eingefallen ist, verdanke ich dem Zustand meiner Beine wenige Minuten nach dem Zieleinlauf. Hatten sie mich bis dorthin noch einigermaßen tapfer getragen, wollten sie nun absolut nicht mehr weiter laufen. Und was damals in Paris die Treppen waren, entpuppte sich im wunderschönen Zielort Cavalaire für viele als knackiger Anstieg zum weit entfernten Parkplatz.

Angefangen hatte es an diesem Morgen ganz locker mit einer Bootsüberfahrt zum Marathonstart in St. Maxime. Auch ein herrlicher Sonnenaufgang konnte die Menschen nicht wirklich aufwärmen, denn es war noch bitter kalt. Die Umstellung zur Sommerzeit hatte uns alle zu Frühaufstehern gemacht. Wie immer, ziemlich nervös fieberte ich dem Start entgegen. Eigentlich wollte ich 2016 mit dem Pfälzerwald Marathon und anschließender Knieoperation meine Marathonkarriere beenden. Aber manchmal ist man einfach zu voreilig.h Nun stand aber definitiv fest, hier an der Küste von Saint Tropez wird mein letzter Marathon enden. Ein Entschluss, den ich schon lange vor diesem Tag getroffen hatte. 21 mal gestartet und immer im Ziel angekommen, das reicht.

 

Mitten in meine Gedankenwelt fällt der Startschuss. Zusammen mit etwa 3000 anderen Läuferinnen und Läufern brettern wir über den Asphalt entlang der Küstenstraße an der Cote d´Azur. Knapp 1000 Teilnehmer laufen wie ich die lange Distanz. In Deutschland wäre es kaum vorstellbar, wie großzügig und teils rigoros hier die Straßen für die Läufer gesperrt werden. Freier Lauf vom Anfang bis zum Ende, ohne dass ein Auto die Straße irgendwo gequert hätte. Die ersten 18 Kilometer geht es leicht wellig in Richtung meines Urlaubsortes Saint Tropez. Es ist das Genussstück des Marathons. Das Läuferfeld ist noch dicht zusammen, und es wird sich lautstark unterhalten und gelacht. Ich beschränke mich auf das Lachen, denn als einer der wenigen Aleman's auf der Straße fehlen mir geeignete Gesprächspartner. In Saint Tropez, wo viele Promis ihre Jachten liegen haben ist Halbzeit und es beginnt langsam der ernste Teil des Marathons.

Die Schnellen sind bereits alle enteilt, und die Kurzstreckenläufer längst im Ziel angekommen. Es wird einsam im hinteren Teil des Feldes. Für die nächsten Kilometer haben die Planer eine „Abkürzung" über die Berge eingebaut. Normalerweise ist das genau meine Welt. Aber nach dreißig Kilometern kommt auch bei mir keine Freude mehr auf.

Die Verpflegung entlang der Strecke ist erstklassig. Menschen die ein bisschen etepetete sind, müssen schon mal ein Auge, oder auch gleich zwei zudrücken. Rosinen, Trockenobst, Schokolade und Zucker werden nicht mit Handschuhen gereicht, jeder fasst mit verschwitzten Händen in die gleiche Schale. Zum Ende des Rennens schlagen die Emotionen immer höhere Wellen. Waren auf den letzten Kilometern nur wenige Menschen am Straßenrand, kommt es auf der Strandpromenade umso geballter.

 

Wildfremde Menschen feuern die Läufer frenetisch an. Und dann ist plötzlich wieder das unbeschreibliche Gefühl da, das den ganzen Zweifel der letzten Stunden und Tage wegwischt. Dein Name schallt 1000 Kilometer von der Heimat entfernt durch den Lautsprecher. Der Teppichboden auf den letzten Metern glänzt azurblau mit dem Meer um die wette. Marathon, ein Sport bei dem es keine Verlierer gibt.

 

Hans Pertsch April 2019

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Hans Pertsch