Paris Marathon 2004

Mein erster Marathon - Paris 2004

Der gemeine Marathonläufer ist zwiegespalten. 50% seiner Betrachter bewundern ihn, die anderen 50% halten ihn zu mindestens als angehaucht verrückt. Diese Art der Betrachtung lässt mich als Neuling völlig kalt.  Ich bin so nervös wie noch nie zuvor in meinem Leben.  Am liebsten hätte ich gestern am Bahnhof in Paris sofort wieder die Rückreise angetreten. Aber dazu ist es nun zu spät. Die ganze Nacht hat es geregnet und gestürmt. Das Frühstück ist eine Qual, ebenso der kurze Weg zum Start. Was tue ich mir an. Ich stehe  auf dem Kopfsteinplaster des Champs Elysées unter etwa 35.000 Läufern und die Welt draußen schaut live via TV zu. Wie weit reichen meine Kräfte, habe ich genug trainiert und ist es wirklich unmöglich nach nur einem halben Jahr Vorbereitung bereits einen Marathon zu laufen.  Die Antwort erhalte ich etwa drei Stunden später.

Es erwischt mich  bei KM 33. Wie aus heiterem Himmel laufe ich gegen die gefürchtete Läufer-Mauer. Wie weggewischt sind die schönen Erlebnisse der ersten Stunden. Wie schön war die Lockerheit der ersten 10 Km. Hat man die herum fliegenden Plastikflaschen noch im Stile von Kaiser Franz auf die Seite gekickt, werden sie nun zu nahezu unüberwindbaren Hürden. Die ersten fünf Verpflegungsstellen wurden im Vorbeilaufen mitgenommen, nun schleppt man sich von der Frage nach dem Sinn des Ganzen geplagt, in Richtung nächstem Verpflegungspunkt.

Die Füße und Knie beginnen unter den mechanischen Schlägen zu schmerzen, die Socke kneift, der Schuh wird immer enger.

„Nur nicht stehen bleiben“, geht es mir immer wieder durch den Kopf. Vor dem Sanitätszelt bei KM 35 haben sich inzwischen lange Warteschlangen gebildet. Bereits 10 m vor dem Obststand dreht sich mir der Magen, und außer Mineralwasser will nichts mehr in mich rein.

Trotz aller Warnungen habe ich beschlossen eine Minute Pause einzulegen, was sich im nächsten Moment bereits als keine gute Idee erweist. Der Körper unterhalb des Hüftgelenkes wird steif und wehrt sich mit aller Macht vor dem weiterlaufen. Eine eiskalte Beindusche an der nächsten Wasserstelle gibt mir neue Kraft.

 

Die kommenden Kilometer wollen nicht zu Ende gehen. Männer mit stählerner Körpern und der scheinbaren Kraft der zwei Herzen sitzen oder liegen am Straßenrand. Das Heer der stehenden Läufer wird immer größer.
Bei Km 38 reibe ich mir verwundert die Augen. Halluzination oder Wahrheit ?
Ein Bordelais-Weinstand direkt am Wegesrand ! Es stimmt, hundert volle Becher Wein und keine Trinker finden sich ein. Und das mitten in Frankreich.
Meine Zurückhaltung bei der Laufgeschwindigkeit während der ersten 30km hat sich scheinbar ausgezahlt, die Beine werden wieder etwas williger.
Den ganzen, langen Weg habe ich immer nur nach vorne geschaut und nie an Aufgeben oder Scheitern gedacht. Und nun lag das Ziel direkt vor den Augen. Ein unbeschreibliches Gefühl durchströmt den Körper. Ein Gefühl das man nicht weitervermitteln kann. Zwei ein halb Stunden nach dem Ersten im Ziel, und trotzdem ein Sieger.
Die Glücksgefühle haben nur eine kurze Haltbarkeit. Nach wenigen Minuten ist der Kopf leer, die Muskeln und Gelenke blockieren. Der Magen verweigert die Aufnahme von Nahrung, die Augen die Wahrnehmung der Umgebung und die Ohren den späterem Applaus   an der Rezeption in der Hotelhalle.

 

Jetzt nur noch Ruhe und Alleinsein. Nie war es schöner in einem Bett zu liegen.


Zwei Stunden später lacht nicht nur über Paris die Sonne, auch bei mir ist das Lachen wieder eingekehrt. Nach und nach wird mir bewusst, dass ich eine große Leistung vollbracht habe.
Im Sommer des letzten Jahres hatte ich gerade einmal einen 3 km Lauf geschafft, welch eine Steigerung. Damals hatte ich mir vorgenommen auf einen Marathonlauf zu trainieren.
Über den Ort gab es keine Zweifel – Paris ! Nicht nur die relative Nähe sondern vor allem der besondere Flair und das Leben in dieser Stadt lässt uns immer wieder dort einkehren .
Ähnliche Gefühle verbinden mich mit Berlin. Wen wundert es also, dass auf der Starterliste zum Berlin-Marathon bereits der Name Pertsch steht.
Vergessen wird von allen „Stars“ gerne Ihr Fanclub. Das will ich auf keinen Fall. Danke allen die mir die Daumen gedrückt und vor allem denen, die mit mir gelitten haben. Wenn man auch auf der Straße als Einzelkämpfer unterwegs ist braucht man gerade in der Vorbereitung ein ruhiges Nest und Menschen mit Liebe und Verständnis. Wie  unsere Oma. Bei ihr gab es nicht viele Anlässe, für die sie ihren geliebten Mittersschlaf unterbrach.  Die Rückkehr des ersten Marathonläufers der Familie, war einer.


Marathon Paris  April 2004


Gesamtzeit Std. 4.38.11 davon effektiv Std. 4.28.48
Gesamtwertung Platz 23764 von ca. 35000 Startern
Hans Pertsch 7.4.2004

 

 

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© Hans Pertsch