Michael hat einen Traum 

Da war ein Traum

Michael hatte eine schöne Kindheit, vielleicht anders wie bei vielen, aber toll. Über Geld wurde zuhause nie gesprochen, aber Michael war schon früh klar, dass die Kasse permanent leer ist. Und das bezog sich nicht nur auf sein Sparbuch, das ihm die Sparkasse am Weltspartag geschenkt hatte, sondern auf die Haushaltskasse der Familie. Michael hatte immer genug zum essen, ein Bett zum Schlafen und liebevolle Eltern. Über die Kurzwelle hörte Michael 1962 zusammen mit seinem Vater seine erste Fußballreportage im Radio. Es war das Spiel Deutschland gegen die Schweiz von der Weltmeisterschaft im weit entfernten Chile. 

Ein Traum war geweckt, den damals alle Jungen in seiner Nachbarschaft hatten, später einmal ein großer Fußballer zu werden. Der Weg dorthin war etwa so steinig, wie der Platz hinter dem Häuserblock wo er wohnte, der eigentlich zum Aufhängen von Wäsche gedacht war. Bis grober Kies und zarte Kinderfüße eine echte Einheit wurden, dauerte es eine ganze Weile. Zwar hatte Michael seit letzte Weihnachten echte Fußballschuhe, die aber den steinigen Untergrund ebenso wenig vertrugen wie sein einziges Paar Alltagsschuhe für den täglichen Gebrauch. So spielte man eben barfuß. Schnell waren die Füße von den ersten Schmerzen befreit und durch die Sommerhitze abgehärtet. Auf diesem „Sportgelände“ zählte nicht das filigrane Passspiel, sondern der Kicker, der die Schmerzen am besten ertragen konnte. Es war fußballerisch wohl Michaels beste Zeit. Schnell fiel ihm auf, dass er bei allen schwierigsten Untergründen viel mutiger grätschte, als alle seine Sportkameraden. Seine Haut nahm es mir zwar übel aber er stand wie auch die Torhüter sehr hoch im Kurs seiner Mitspieler. Wie auch die Keeper, die bereit waren, einen Ball aus dem Torwinkel zu fischen, galten höchste Auszeichnungen. Wobei der Torwinkel eigentlich nur fiktiv war, da man ja ohne Querlatte spielte, und das Tor nur aus zwei Betonpfosten bestand.

Kondition hatte man um einen ganzen Nachmittag ohne Trinkpausen durchzuspielen und für Verletzungen nahm man sich keine Zeit. Weder auf Kieselsteinen noch auf Straßen, und schon gar nicht auf Hartplätzen oder edlem Rasen.

 

Michael ließ nie einen Zweifel daran die besten Eltern der Welt gehabt zu haben. Denn sie ließen ihn den wohl tollsten Traum leben, den sich ein junger Mann damals wünschen konnte. Ein Traum, der übrigens nie in Erfüllung ging.

 

 

Hans Pertsch Juni 2026


 

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