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... neues aus der Hauptstadt

 

Berlin, Berlin. Das Internet quillt über mit Empfehlungen und Tipps über Deutschlands größte und hippigste Stadt. Locker und leicht ist es aber nicht Berlin zu erkunden. Obwohl die Stadt sehr gut mit U Bahn, Straßenbahn und Bussen vernetzt ist, sind viele Fußkilometer notwendig, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu erkunden. Das Brandenburger Tor, der Kudamm, der Alexanderplatz und die Reststücke der Berliner Mauer gehören zum Pflichtprogramm des Hauptstadtbesuches. Mitten in der Glitzer und Glimmerwelt ist alles zuhause was Rang und Namen hat. Das gilt für Weltunternehmen genauso wie für Stars und Sternen aus allen Unterhaltungsbereichen.

Für den Fremden wird das alles sehr spannend sein, der Berliner findet es eher störend, dass seine Stadt der Nabel der Welt sein soll. Nur mürrisch stellt er sich der Herausforderung Fremdenführer zu sein und tut sich oft schwer mit einfachen Erklärungen. Wer zum Beispiel nach dem kürzesten Weg zum Brandenburger Tor fragt, wird wahrscheinlich etwa so eine Antwort bekommen.
"darüber haben sich ganz schlaue Köpfe im Rathaus auch schon Gedanken gemacht. Dann hat man Schilder entworfen und diese überall aufgestellt.  Und Touristen die lesen können,  finden diese überall. Auch hier stehen garantiert welche.  Und die, die keine finden, fragen einfach jemanden der es weiß. Und da bist Du bei mir genau richtig.  50 Meter rechts, dann stehst Du direkt vor diesem Kasten.“

Aber es gibt auch das andere Berlin, das sich ein bisschen jenseits der ganz großen Besucherströme abspielt. Hans Pertsch war in der Bundeshauptstadt unterwegs und hat nach Neuem, Außergewöhnlichem und Nebensächlichkeiten Ausschau gehalten.

Seit langem wollte ich einmal mit eigenen Augen sehen, wie „die da oben“ mit meinen Steuerngeldern umgehen. Bis jetzt wusste ich nur von Stammtischen dass dies sehr schlampig passieren würde, und die Stimme den kleinen Mannes sowieso nicht gefragt wäre. Also höchste Zeit den Tempel der Mächtigen mal von Innen zu inspizieren. Vorsichtige Anfrage bei unserer neuen Bundestagsabgeordneten Angelika Glöckner „darf ich mal“, blitzschnelle Antwort „klar, selbstverständlich“. Nach kurzer Sicherheitskontrolle stehe ich dort, wo die Meinung des Volkes zusammen kommt, im Bundestag. Eines wird sofort klar, dies ist kein Prunkbau, alles ist schlicht und in dezenten Farben gehalten. 631 Abgeordnete nebst ihren Mitarbeitern sind hier mindestens für eine Wahlperiode zuhause. Ich laufe durch Gänge und Flure schaue in Sitzungssäle wechsle unterirdisch oder über Brücken die verschiedenen Gebäude und stehe plötzlich vor dem Plenarsaal im alten Reichstag.

Diese Woche ist Sitzungspause und die blauen Stühle sind leer. Auf der Besuchertribüne spüre ich wieder einmal den Glückszustand in einer Demokratie leben zu dürfen. Bei Bundestagsitzungen ist es nahezu jedermann möglich näher bei den Aktiven zu sein, wie es Besuchern eines Bundesliga Fußballspieles möglich ist. Diese Nähe macht sympathisch und weckt den Eindruck von Transparenz.

Während in den Talkshows wohl immer die harten Kerle und Frauen vorgeschoben werden geht es hinter verschlossenen Türen viel bedächtiger zu. Beete mit Muttererde aus allen deutschen Wahlkreisen, Besinnungsstätten mit einer Kapelle sowie viele Kunstausstellungen zeigen die menschlichen Seiten des hohen Hauses.

Im Innenhof sticht ein kleines Gebäude sofort ins Auge. Anders als die Anderen hat es Balkone und ist mit Blumen geschmückt. Hier residieren die noch lebenden Altbundeskanzler. Wahrscheinlich sind sie kaum noch an ihrer alten Wirkungsstätte anzutreffen, aber ein Büro dürfen sie hier auf Lebenszeit unterhalten.

Im Bundestag versteckt sich vor der Deutschen Geschichte. Seihen es im Keller die Graffiti der sowjetischen Soldaten von 1945 oder die letzten Lampen aus dem DDR Palast der Republik in der Cafeteria oder gar der Spaten von der Grundsteinlegung des Reichstagsgebäudes 1884, es ist eine Unmenge an Vergangenheit zu sehen.

Sehr beeindruckt von diesen und vielen anderen Geschichten verabschiede ich mich von meinem schier allwissenden Bundestags-Führer.

Pertschfoto Bundestag

Der Hunger treibt mich Richtung Innenstadt. Eine der besten Currywürste von Berlin soll es am Zoologischen Garten geben. Große Warteschlangen vor dem Kiosk deuten darauf hin, dass es längst wohl kein Geheimtipp mehr ist, hier zu essen. Vielleicht ist es auch nur die Neugierde einmal den Chef persönlich anzutreffen. Neben der guten Wurst soll er nämlich auch der Klagekönig der Würste sein. Sein Firmenname „Curry 36“ kommt aus der Kombination von Straße und Hausnummer. Nach seinem Meinung ist diese Idee so unglaublich genial, dass er Anspruch auf alle anderen Namenskombinationen hat. Selbst im fernen München zittert „Curry 73“ vor der Klagewut des Berliners. Zwar gewinnt es seine angestrebten Prozesse meist nicht, aber seinem Würstchenverkauf haben auch Niederlagen nicht geschadet.

 

Unweit vom Zoologischen Garten wurde unlängst mit dem „Bikini“ eines der exotischsten Berliner Einkaufszentren eröffnet. Der Name wird abgeleitet von einer Fabrik die ab den 50er Jahren an gleicher Stelle Damebekleidung gefertigt hatte. Dort wo an unzähligen Nähmaschinen Bikinis entstanden, befinden sich heute Geschäfte und Boutiquen im supermodernen Ambiente. Große Filiallisten und Einkaufsketten sind hier nicht zu finden, es wird auf Einmaligkeit gesetzt. Demzufolge ist auch der Blick auf die Rückseite des Gebäudes was Außergewöhnliches. Nur durch eine riesige Glaswand ist das Affengehege des Zoos vom Bikini getrennt. Die Frage, wer beobachte wen, und wer lacht mehr über den Anderen, bleibt wohl unbeantwortet. Eine Topidee der Planer die inzwischen zum Besuchermagnet wurde.

Trist ist es dagegen am Kotbusser Tor. Zwar ist der Zustand des Bahnhofes weit von RTL Schockberichten entfernt, aber so richtig einladend ist es dort wirklich nicht. Zerbrochene Wodkaflaschen, ein paar Bettler und ein hohläugiger Junkie markieren den Weg zum Ausgang. Manche sprechen davon, dass nun am „Kotti“ Zustände herrschen wie einst am legendären Bahnhof Zoo. Das erinnert mich an frühere Berlinbesuche als der Bahnhof Zoo noch der Berliner Hauptstadtbahnhof war und Drogen und Stricher dort ihre Heimat hatten. Nun ist die Szene scheinbar in den Osten der Stadt weitergezogen. Viele der Menschen die in diesem Milleu leben sind Opfer und keine Täter. Aber wahrscheinlich ist es eine Illusion zu glauben, die Situation irgendwie und irgendwann ändern zu können..

 

Im erwürdigen Stadtteil Charlottenburg treffe ich Hamid. Er ist ein selbst ernannter Starfrisör und Lebenskünstler. Wenn die Damenwelt gerade mal nicht nach ihm verlangt, nimmt es im Liegestuhl vor seinem Laden gerne auch mal ein Sonnenbad. Die Stars und Sternchen die unter seinem Kamm den letzten Schliff bekommen mag es nicht nennen, aber es sollen ein paar ganz berühmte Damen darunter gewesen sein. In Berlin ist es ähnlich wie in Amerika. Die Großstadt bietet jedem die Chance nach oben zu kommen. Wer die Lücke entdeckt und sie als erster füllt, der kann es schaffen. Hamid war einer davon.

Und ich habe per Zufall die älteste Pizzeria von Berlin entdeckt. Angeblich wurde sie bereits1964 eröffnet. Etwas unscheinbar in der Berliner Kantstraße versteckt, ist sie ein kleines Romantiker Paradies. Ruckzuck ist man in die 60 er und 70 er Jahre zurückversetzt. Rotweiß karierte Tischdeckchen, die Bar in Form eines Fischerbootes und oben drüber ein altes Fischernetz. Der Pizzabäcker bastelt seine Kunstwerke vor den Augen der Gäste und macht seine Arbeit sehr gut. Die Pizzas sind so groß wie Wagenräder und fordern die Gäste auf das Härteste heraus. Die teils vergilbten Autogrammkarten an den Wänden lassen ahnen, dass hier schon einige prominente Menschen zu Gast waren. Gewissheit gibt es keine, da der einstige Besitzer längst im verdienten Ruhestand ist

 

Unglaublich, aber wahr, die Spree fließt 46km durch Berlin. Ihre Ufer gehören zu den beliebtesten Naherholungsgebieten der Berliner. Ein kleiner Teil der Spree fließt am Charlottenburger Schloss vorbei. An anderen Orten wäre dieser Prunkbau die Hauptattraktion der Stadt, in Berlin wird das Schloss nur nebensächlich erwähnt. Dabei ist es der prachtvollste Palast Berlins. Mit vielen Ausstellungen und seinem wunderschönen Schlossgarten steht es zu Unrecht in der zweiten Reihe der Berliner Sehenswürdigkeiten. Sonntagmittags scheint hier der große Joggertreffpunkt der Stadt zu sein. Die Wege entlang der Spree sind dann mit schnellen und etwas langsameren Beinen proppevoll.

 

 

Hans Pertsch Mai 2016

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© Hans Pertsch