Der Postler

Ich erinnere mich noch gut. In meiner Heimatstadt hatte ich einen Onkel der bei der Post beschäftigt war. Er saß, besser gesagt, er thronte an einem Schalter im Hauptpostamt. Wer ein Paket dort abholen wollte, kam an ihm nicht vorbei. Wartezeiten waren vorprogrammiert, den er machte seine Arbeit sehr, sehr ordentlich. Nicht nur am Schalter, sondern auch zu Haus war der Mann mit der blauen Uniform eine absolute Respektsperson dem man besser nicht widersprach.

Jahre später lernte ich im Urlaub einen echten Bayerischen Briefboten kennen. Auch er war sehr bedacht, seine Post zuverlässig zu verteilen. Deshalb war es ihm bei vielen Adressen auch wichtig, die Sendungen persönlich zu übergeben. Wohl wissend, dass ein Beamtensalär nicht sonderlich üppig ist, war es auf manchen Bauernhöfen Tradition, die Brotzeit und der magenfreundliche Enzian, mit dem Zusteller zu teilen. Und kam dadurch die Post bei der letzten Zustelladresse etwas später an, war dem kleinen Bayerischen Postbeamten niemand böse. „Passt schon“, sagen alle mit einem verschmitzen Lächeln.

Vor einigen Tagen traf ich per Zufall einen sehr guten Freund aus vergangenen Tagen wieder. Aber nicht in Laufklamotten wie früher, dieses Mal trug er ein leuchtend gelbes Käppi mit einem Posthorn. Die Freude über das Wiedersehen war riesengroß und der Gesprächsstoff wäre wahrscheinlich unendlich gewesen. Aber der Postbote von heute kennt keinen Thron und keinen Verdauungsschnaps. „Ich ruf dich an, kann aber spät werden, das Auto ist noch ziemlich voll“, waren die wenigen Worte die ich meinem alten Freund entlocken konnte. Und es war dann knapp vor 22:00 Uhr als das Telefon klingelte.

 

Hans Pertsch Dezember 2020

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