Michael ist volljährig

Endlich volljährig, bei Michael schon ewig her

 

Zu Michaels Jugendzeiten durfte man mit 18 Jahren zwar vieles machen, aber volljährig war man dadurch noch lange nicht. Für die Bundeswehr, den Führerschein und den ersten offiziellen Vollrausch war man damals geeignet, für was amtliches zu unterschreiben, musste man sich aber noch drei Jahre gedulden. Heute, viele Lebensjahre später würde Michael sich wohl mit den Worten „ich schaue mich mal nach was Trinkbarem um“, die elterliche Wohnung verlassen. Am nötigen Kleingeld sollte sein heutiger Einkaufsbummel nicht scheitern. Denn der Tag der Volljährigkeit ist ein Hauch von Freiheit, der auch was kosten darf. Nicht dass er nicht vorher schon up to date war, was der Markt so alles bietet, aber ab heute kann ihm niemand mehr vorschreiben, was in seinem Einkaufskorb landet. Kein Jugendschutzgesetz und auch keine Helikoptermutter. Auch wenn keine Generation wie die heutige, mit so einem massigen Angebot an Trinkbarem zugeschüttet wird, hat Michael gar nicht vor, heute über die Stränge zu schlagen.

 

Hatte man früher die Wahl zwischen wenigen alkoholfreien Getränken und den harten Dingen wie Bier, Wein und Schnaps, sind es heute eher die Mixgetränke die Michael neugierig machen. Aber hier fühlt sich der junge Mann schnell überfordert. Ob mit, ohne oder wenig Alkohol, in allen Ecken des Getränkemarktes lachen Michael bunte Werbeplakate mit fröhlichen jungen Menschen an. Zwar kommt es bei Getränken normalerweise eher auf die inneren Werte an, aber manches Mal scheinen es auch die Namen der Getränke zu sein, die zum Kauf animieren. Schmunzelnd fragt sich Michael, wie sein Vater wohl reagieren würde, wenn er ihm anstelle eines Rieslings, eine Flasche „Hexentropfen“ oder „Fliegendes Schwein“ vorsetzen würde. Auch beim Corona Bier hat Michael eine Wissenslücke. Während der Pandemie hatten viele das Bier als Heilwasser bezeichnet. Nachdenklich fragt er sich, ob da tatsächlich etwas dran war.

 

Aber zurück in Michaels reale Volljährigkeit. Mühsam hatte er damals zusammen mit seinen Kumpels gelegentlich eine Flasche Fusel und ein paar Dosen Cola an den Rhein geschleppt, um dort in der Abendsonne einen Rausch zusammen gemixt . Der Michael von heute würde sein altersgerechtes Lieblingsgetränk in den Regale der Supermärkte fix und fertig bekommen. Hier eine große Dose „Wodka Gorbatschow lemon“ dort eine „Asbachcola“ vom Feinsten. „Es ist gar nicht so einfach erwachsen zu werden“, schoss es dem Michael von Damals genau wie dem von Heute durch den Kopf. Aber nur der alte Michael weiß, dass es gar nicht erstrebenswert ist, immer so richtig erwachsen zu sein.

 

Hans Pertsch Februar 2026

 

 

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