Nüchtern betrachtet

Alles nüchtern

 

Nüchtern betrachtet, ist unsere Welt ein ziemlich schriller Ort, den man wirklich nüchtern, oft gar nicht sehen will. Vielleicht war das einmal der Grund, warum unser lieber Herrgott die Kunst des Bierbrauens, des Schnapsbrennens und des Weinbaus den Menschen als Gabe mitgegeben hat. Und vielen seinen Untertanen auf Erden hatte er damit wohl eine große Freude bereitet. Bevor nun alle Abstinenzler laut aufschreien, die nächsten Zeilen gehören euch. Klar, kann man auch ohne Alkohol fröhlich sein und sich mit der Welt, wie sie einfach ist, arrangieren.

Und da der kurze Rausch und das böse Erwachen auch nicht jedermanns Sache ist, wenden sich immer mehr Menschen von der flüssigen, aber legalen Droge ab. Wer in diesem Sommer durch die Gänge von Getränkemärkten gelaufen ist, mag sich oft wie in der Ferne der Karibik vorkommen sein. Überall in den Regalen standen bunte Dosen und unförmige Flaschen mit seltsamsten Namen und exotischen Inhalten. Die meisten dieser neuartigen Drinks enthalten keine Promille oder sind als Mixgetränk extrem im berauschenden Alkohol gekappt. Wer glaubt, hier schon das Ende der alten Trinkkultur gesehen zu haben, kennt die unzähligen Kreationen der „Null-Promille" Aperitifs nicht, die auf den Getränkekarten vieler Lokale und Bars derzeit zu finden sind. Nahezu alles erdenkbare wird gemixt und kaum ein grünes Gemüse ist vor einem Experiment sicher.

Ob die Welt jedoch durch soviel Nüchternheit eine bessere wird, ist zu bezweifeln, denn angeblich soll nicht im Wasser, sondern im Wein die Wahrheit liegen.

 

Hans Pertsch September 2020

 

 

 

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