Michael in der Großstadt

Anna und Michael sind zwei noch ziemlich knackige Endfünfziger und leben in einer Kleinstadt in Deutschland. Sie stehen mitten im Leben und alles Neue ist für sie sehr interessant. Eigentlich sind sie mit ihrer Lebensart sehr zufrieden. Aber ab und zu gerät ihre Welt aus den Fugen. Das ist immer dann, wenn sie sich aufmachen das Leben in der Großstadt zu rocken.

Das erste Abenteuer beginnt mit der Fortbewegung in der City.  Nur wer aus einer noch rollenden S-Bahn in einen bereits anfahrenden Bus umsteigen kann, hat das Zeug zum echten Städter. Anna und Michael bestehen diese Prüfung auf Anhieb. 

 

Auch ein Überangebot kann ganz schön anstrengend sein. Von der Verpflegungsmaschine mit dem großen "M" bis zum zwei Quadratmeter großen Chinesen ist gastronomisch alles vertreten, was das Herz begehrt, bzw. der Magen verträgt. Dass ausgerechnet die gute alte Bratwurst abgeschlagen in der hintersten Ecke zu finden ist, ist wohl dem Geschmacks-empfinden der heutigen Generation geschuldet, die diese Speise nicht mehr auf Ihrer Hitliste stehen hat.

Verdutzt reiben sich die Beiden auch die Augen als sich gegen Mitternacht eine hübsche Blondine aufmacht sich beim Friseur den letzten Schliff für die Nacht geben zu lassen. Und das ist keine Ausnahme. An jeder Ecke gibt es irgend einen Berufsstand der die Nacht zum Tag macht

Das man seine Arbeit nicht unbedingt am Schreibtisch erledigen muss ist zwar auch in der Provinz bekannt aber das man mit absoluter Selbstverständlichkeit fremdes WLAN in Cafés und Kaufhäusern ohne die Gegenleistung einer Kaffeebestellung nutzt, ist eine neue Erfahrung.

 

Den Gang ins Nachtleben der Großstadt haben Annas und Michael nicht im voraus geplant. Sie wollten sich einfach treiben lassen und dort einkehren wo es ihnen am besten gefällt. Nun sind sie aber die Getriebenen. In den örtlichen Zeitungen und an unzähligen Plakatwänden sehen die Beiden erst, was ihnen in ihrer heimatlichen Provinzstadt täglich alles so entgeht. Ein Theaterstück um 20.00 Uhr und ein Mitternachtskabarett im Anschluss befriedigen zwar den kleinen Kulturhunger, die großen Wünsche werden aber vertagt.

Fast verliebt wie in den Jugendtagen schlenderten Anna und Michael die letzten Tage händchenhaltend durch die Häuserbuchten der Stadt. Heute am Abschiedstag ist das alles ein bisschen anders. Jeder sitzt auf seinem Koffer und starrt in eine andere Richtung. In kürzester Zeit hatte  man sich an Action und  die Schnelllebigkeit  einer Großstadt gewöhnt, und nun sollte sie ihnen plötzlich wieder entzogen werden. In riesigen Mengen spuckt die Rolltreppe des Hauptbahnhofes die Menschen aus. Bald werden auch die Beiden den Weg nach unten nehmen und dem Trubel der Metropole endgültig entschwinden.

 

Auf halber Strecke zwischen Großstadt und Heimat haben Anna und Michael zum erholen einen Zwischenstopp in einem kleinen idyllischen Kurort gebucht. Ein Viersterne Hotel mit Schwimmbad und Halbpension, und der Garantie, einfach die Füße hochlegen zu können.

 

Aber obwohl die Sonne die Beinen empfing, war es ihnen eher kalt ums Herz. Ein Hundebellen in der Ferne  und leises Kindergeschrei vom nahen Spielplatz waren die wenigen Klänge die zu hören waren. Und wenn die Seele schon mal nach negativen Bildern sucht, wird sie auch leicht fündig. Spielstraßen, Ruhezonen und 30er Zonen pflasterten fortan ihren Weg. Geistig musterten die Beiden die wenigen Menschen die ihnen auf der Straße begegneten und stellten dabei amüsiert fest, hier etl. sogar den Altersschnitt nach unten drücken zu können.

 

Das Abendessen in der All Inklusive Gesellschaft zeigt alte, und doch immer wieder neue Erkenntnisse über die Niederungen der Menschheit. Die Mägen der Nimmersatten werden bis zum Erbrechen gespreizt und der Konsum der doch so leckeren und süßen Moselperle wandert genussvoll die Kehle hinunter. Ab 20.00 Uhr hat das bunte All Inklusive Armbändchen bis zum Frühstück Ruhepause , aber bis dahin sind noch ein oder zwei Glasfüllungen problemlos machbar. Gut gelaunt und mit dem Sparfuchs wieder sehr zufrieden wankt man seiner Kammer entgegen, denn man sollte gut ausgeschlafen sein, wenn um 7.00 Uhr bereits die Schlacht am Frühstücksbuffet eröffnet wird. Denn nur wer hier wirklich bei der Ersten ist, kann sich die richtig dicken Pakete für den Tag schnüren.

Anna ist irgendwann das reine Beobachten zu wenig. Mutig greift sie ins Geschehen ein und schnappt sich aus dem Restangebot noch schnell einen Apfel und eine Banane. Verschämt packt sie ihr Lunchpaket in die Tasche. Man will ja schließlich nicht zur gierenden Meute gehören.

Auf den üppigen Wanderwegen begegnen Anna und Michael nur wenige Menschen. Schließlich ist man in einem Kurort, und hier ist Ruhe angesagt. Die vielen Gasthäuser am Wege leiden wohl ein bisschen dass die Gefräßigkeit der Menschen an ihnen vorübergeht.

Wie in allen Urlaubsregionen der Welt sind die All Inklusive Fesseln kein Segen für Kultur und die örtliche Gastronomie. Als Robin Hood für die Cafes vor Ort bestellen sich die Beiden

ein großes und teures Stück Rhabarberkuchen und boykottieren den alltägliche 4.00 Uhr Hefezopf der All Inklusive Kantine.

 

Von Kontrasten und Erlebnissen reich beschenkt, sitzen Anna und Michael im Zug Richtung Heimat. Sie verlassen sich auf die Pünktlichkeit der guten alten Bahn und werden reichlich beschenkt. Auf die Minute genau erreichen sie trotz viermaligen Umsteigen ihren Heimatbahnhof. Jetzt noch schnell zum Bäcker, denn zuhause gibt es wieder Ladenschlusszeiten, die einen großstadtverwöhnten Touristen erschaudern lassen.

 

Bis zum nächsten Mal

Euer Michael

 

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© Hans Pertsch